1 Lokaler Strom – globaler Strom
Jul 1st, 2011 by Stefan Fassbinder
Werfen Sie doch einmal einen Blick in Ihren Sicherungskasten. Dort sehen Sie wahrscheinlich 3 Hauptsicherungen zu je 35 A. Da die elektrische Leistung sich aus Spannung mal Strom errechnet, erlaubt Ihnen also Ihr dreiphasiger Anschluss die Abnahme einer Leistung von 3 * 230 V * 35 A. Das sind rund 24 Kilowatt!
Nun sehen Sie sich einmal Ihre letzten Stromrechnungen an. Als typischer Haushalt müssten Sie um 3500 Kilowattstunden im Jahr verbraucht haben. Teilen Sie diesen Betrag durch 8760 Stunden pro Jahr, so kommen Sie zu dem zwingenden Schluss, dass Ihr gesamter Haushalt im Jahresmittel etwa 0,4 kW = 400 W aus dem Netz entnimmt – also gerade mal 1/50 oder 2% dessen, was Sie höchstenfalls entnehmen könnten. Das ist gerade so, als könnten Sie bei Ihrem vornehmen Essen zu dem noblen Preis 24 Stunden lang ununterbrochen »reinhauen«, um danach 50 Tage lang satt zu sein.
Das leistet Ihr Magen natürlich nicht. Vom Stromnetz aber erwarten Sie ganz selbstverständlich eine Leistungsfähigkeit, die den durchschnittlichen Verbrauch von 50 Tagen auch innerhalb eines Tages liefern könnte.
Wenn Ihnen dieser Strom dennoch zu teuer ist, Sie sich durch die großen Anbieter ausgebeutet fühlen oder Ihnen aus anderen Gründen Ihre eigene Unabhängigkeit lieber ist – bitte sehr! Stellen Sie sich elektrisch auf eigene Füße! Bauen Sie sich Ihre eigene Stromversorgung auf! Nur allzu oft muss man hören oder lesen, hierdurch ließen sich immense Mengen Energie sparen, da die bei der Übertragung und Verteilung auftretenden Verluste vermieden würden.
Zum einen aber sind dies in Deutschland nur 4,6% der insgesamt gelieferten elektrischen Energie – wenn dies auch Weltspitze ist mit Ausnahme von Luxemburg, wo die zu überbrückenden Entfernungen doch noch etwas geringer ausfallen. Im weltweiten Mittel, auch in den meisten europäischen Ländern, liegt der Wert gut doppelt so hoch.
Zum zweiten müssten Sie ein autarkes Versorgungssystem aufbauen, das im Durchschnitt nur 2% seiner Nennleistung abgibt. Ganz abgesehen von der Frage, wie Sie dann die Spannung und die Frequenz so stabil halten wollen, dass nicht beim Einschalten des Warmwasserboilers der Computer abstürzt und es beim Abschalten zu Überspannungsschäden kommt, kann ein solches System niemals effizient arbeiten. Es ergeben sich ungefähr die gleichen Verhältnisse, als wenn Sie Ihren GTI, der mit 100 kW Motorleistung 200 km/h zu laufen in der Lage ist, mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa 15 km/h fahren (z. B. nachts nur mit 5 km/h).
Nun können Sie sagen, Sie bildeten mit Ihrem Nachbarn eine Allianz; der erzeuge seinen Strom auch selbst, doch sein Boiler ginge nicht unbedingt gleichzeitig mit dem Ihren ans Netz oder vom Netz. Nicht unbedingt, nein. Wenn aber doch?
Eine elektrische / elektronische gegenseitige Verriegelung, die den zweiten Boiler blockiert, wenn schon einer das Netz belastet, könnte dies verhindern, doch das ist eine Einbuße an Komfort und daher mit dem, was das öffentliche Netz bietet, nicht zu vergleichen. Also müssen weitere Allianzen her, mit dem übernächsten Nachbarn, der ganzen Straße oder doch gleich der ganzen Stadt. Oder vielleicht noch besser mit dem ganzen Bundesland?
Sie sehen schon: Zwangsläufig nähern Sie sich immer mehr dem Zustand, zu dem Sie doch eigentlich eine Alternative aufbauen wollten! Sicher, irgendwann ist eine Grenze erreicht, von wo an ein gleichzeitiges Zuschalten aller großen Verbraucher so unwahrscheinlich ist, dass es in der Praxis nie vorkommt – und genau davon lebt das westeuropäische Verbundnetz.
Doch das ist noch nicht alles. Nicht nur kleine und große Verbraucher können sich nach Belieben und ohne Vorankündigung ein- und ausschalten, ohne dass sich dies für die anderen Nutzer desselben Netzes bemerkbar macht – auch große und größte Kraftwerke sind nicht unfehlbar und können sich auf Grund von Störungen spontan aus dem Netz »verabschieden«. Innerhalb von Millisekunden entfällt dann auf einmal eine Leistung von 1 Gigawatt (eine Milliarde Watt) oder sogar noch mehr in einem Netz, in das eigentlich in jedem Moment genau so viel eingespeist werden muss wie entnommen wird – und selbst dies bemerkt kein Mensch, der nicht zufällig im Kraftwerk oder im Netzbetrieb beschäftigt ist!

Das westeuropäische Verbundnetz: Alle Kraftwerke in diesem Bereich sind so zu sagen über »elektrische Kardanwellen« gekuppelt
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