6.1 Der Antrieb
Jul 23rd, 2010 by Stefan Fassbinder
An eben dieser Stelle aber erweist sich der elektrische Antrieb wieder als überlegen, denn bei der elektrischen Energie kann man im Prinzip vollkommen frei wählen, aus welcher Primärenergie man sie erzeugen möchte. Der Kraftwerksmix ist je nach den Erfordernissen der Wirtschaftlichkeit und des Umweltschutzes wandelbar. In dem Ausmaß, wie regenerative Energie in das Bahnstromnetz gelangt, werden auch E-Loks mit regenerativer Energie fahren – Dieselfahrzeuge natürlich nicht. Petrochemischen Erzeugnissen einen grünen Anstrich zu verleihen ist sehr schwierig. Ist das Problem der Unkalkulierbarkeit der Windkraft auch noch nicht gelöst, so lässt sich dennoch sagen, dass zumeist am Tage mehr Wind weht als nachts, während am Tage auch mehr Züge fahren. Das separate Stromsystem mit seiner eigenen Betriebs-Frequenz von 16,7 Hz bietet sogar die Möglichkeit, unabhängig von der öffentlichen Versorgung z. B. einen höheren Anteil aus regenerativer Herkunft oder Kraft-Wärme-Kopplung einzusetzen, wie es z. B. in Deutschland der Fall ist, denn Strom ist immer genau so »grün« oder so nachhaltig wie seine Erzeugung.
Der zweite große Vorteil ist, wie aufgezeigt, die im Prinzip recht weit reichende Möglichkeit, Bremsenergie zurück zu gewinnen. Praktisch ist hieran noch zu arbeiten. Die bislang entstandenen, auf die hierauf verkehrenden Fahrzeuge optimal abgestimmten Strecken mit der richtigen Signaltechnik zeigen, dass es geht – und dass es sich ökonomisch und ökologisch gleichermaßen lohnt.
Der dritte Vorteil der elektrischen Energie ist ihre unbegrenzte Vielseitigkeit. Die mühelose, verlustarme Umkehrbarkeit des Umwandlungs-Prozesses von elektrischer in mechanische Energie ist nur das Eine. Zugleich aber lässt sich elektrische Energie in jede andere Energie umwandeln, und dabei sind die Umwandlungs-Wirkungsgrade meist bedeutend besser als die der konkurrierenden Technologien, sofern überhaupt vorhanden. Die Beleuchtung ist neben der mechanischen Energie das beste Beispiel: Die Erfindung der Glühbirne hat den Wirkungsgrad bei der Erzeugung von Licht gegenüber der Wachskerze um den Faktor 100 verbessert, die Leuchtstofflampe hat diese Verbesserung noch einmal vervierfacht. Elektrizität ist also eine sehr wertvolle Form von Energie. Während allgemein davor gewarnt werden muss, Wert mit Preis und Preise mit Kosten zu verwechseln, darf »wertvoll« in diesem Zusammenhang als »teuer« verstanden werden, weil bei der Erzeugung im thermischen Kraftwerk mindestens die Hälfte, meist eher zwei Drittel der Wärme weggeworfen statt in Strom verwandelt wird. Der obige Verbesserungsfaktor von 4 * 100 muss also ehrlicherweise noch einmal durch 3 geteilt werden. Dennoch – und das ist der Punkt – bietet sich die elektrische Energie zum Antrieb von Bahnen auch deshalb an, weil es die gleiche Energieart ist, die im Zug zugleich für ausnahmslos alle anderen Zwecke eingesetzt wird:
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