1.1 Gemeinsamkeit macht stark
Jul 23rd, 2010 by Stefan Fassbinder
Erleichtert wird die Lösung dieser Aufgabe, ähnlich wie beim europäischen Verbundnetz, durch die internationale Kooperation, denn wenn Deutschland, Österreich und die Schweiz schon, wie Zyniker behaupten, durch die gemeinsame Sprache getrennt werden, so eint sie doch das Bahnstromsystem, das auch bei den Österreichischen und Schweizerischen Bundesbahnen mit einer Spannung von 15 kV und einer Frequenz von 16,7 Hz läuft (Tabelle 2).
Tabelle 2: Die Bahnen im deutschen Sprachraum im Vergleich
Deshalb bieten Kuppelstellen an den Grenzen die Möglichkeit, die Netze parallel zu betreiben. Das österreichische Bahnstrom-Übertragungsnetz ist direkt mit dem deutschen verbunden, das schweizerische über Transformatoren, da die Betriebsspannung dort 132 kV beträgt. Offen bleibt die Frage, warum eine solch niedrige Frequenz gewählt wurde. Hierüber herrschen teils etwas wilde Theorien, etwa um die »rechtswidrige Entnahme« aus dem Netz, auch »nicht technische Verluste« genannt, zu erschweren.
Bild 3: Prinzip der OS-Steuerung (zur Minderung der zu schaltenden Ströme) in leistungsstarken und der US-Steuerung in leichten Baureihen alter Elektrolokomotiven
Wesentlich plausibler klingt dagegen die Begründung, dass die Reihenschlussmotoren der alten Schaltwerks-Lokomotiven, bei denen die Einstellung der Leistung über einen Stufentransformator (Bild 3) mit 28 bis 37 Anzapfungen erfolgte (Bild 4), im Prinzip Gleichstrommotoren sind, die aber auch an Wechselspannung funktionieren. Allerdings laufen sie umso besser, je näher der Wechselstrom dem Gleichstrom kommt, denn der Erregerstrom in der mit dem Anker in Reihe liegenden Erregerwicklung induziert im Anker eine Wechselspannung, die zu Bürstenfeuer führen kann. Je niedriger die Frequenz, desto niedriger ist diese induzierte Spannung und desto geringer die Neigung zu Bürstenfeuer. Tatsächlich wurden anfangs der Elektrifizierung Gleichstrommotoren eingesetzt, die sich mit 16,7 Hz, in den USA zum Teil auch 25 Hz, gerade noch betreiben lassen.

Bild 4: Lenkrad in einer Lok? Nein, das Schaltstufenrad im Führerstand der altehrwürdigen Baureihe 110, seit 1957 unterwegs, aber die Kilometer-Millionärin läuft und läuft – auch heute noch in 88 Exemplaren
|
◄
|
►
|
